Pål H. Christiansen

Pål H. Christiansen: Humle & Honning. Romanse. Verlag Tiden 2001
Probeübersetzung/Auszüge: Christine v. Bülow

[Beginn Kapitel 1, Originalausgabe S. 9-10]

I. Einmal hin, einmal her

Hummel wohnt in einem Baum. Der Baum wächst in einem Wald, und der Wald liegt am Meer. Durch den Wald windet sich ein Weg, macht Kurven um bemooste Wackersteine und um Sumpflöcher voller Schuhe.
Der Weg endet am Meer. Wer weiter will, muß Wellen und Tang kennen und sich durchprobieren können. Hier kommt nicht einfach jeder voran. Und Schwimmflossen und fünf Finger an jeder Hand sind nicht genug.
Nachts sitzt Hummel still in seinem Baum und horcht auf das Brausen der Wellen, auf das Geräusch der sich paarenden Wale. Nie hat er das Meer gesehen, und er hat nicht vor, es jemals zu sehen! Solche Gedanken trägt der Wind von fernen Küsten herbei. Einsam ist er nicht.
Er hat Grunz.
Und Palle.
Und Kalle.
Das sind seine Freunde.

Hummel fürchtet sich nicht vor fallenden Tannenzapfen oder vor Tieren, die im Schutze der Dunkelheit schnell vorbeihuschen. Er fürchtet sich nicht vor Tannennadeln, und jeder Stein, der aus dem Waldboden hervorsticht, erweckt in ihm die Lust, eine kindliche Melodie zu pfeifen.
In manchen Nächten stiehlt die Dunkelheit die Nadeln von den Bäumen.
In manchen Nächten wendet sich das Laub gegen den Wind.

Am Meer wohnt Honig mit ihren Siebensachen. Der Wind macht ihr nichts aus - sie läßt sich dahin wehen, wo der Wind hin will. In den Wald hinein, um Äpfel zu klauen, wenn es das ist, was geschehen soll. Aber meist bleibt sie am Strand. Da sind die Steine rund und warm, und alles schmeckt so salzig, wie es sich gehört.
Nachts schläft sie auf ihrer Luftmatratze und träumt feuchte Träume: Wie sie mit den Fischen in tausend Metern Tiefe schwimmt, durch Tiefseegrotten und versunkene Schiffe. Sie hält die Luft an, bis sie aufwacht – und noch etwas länger.
Wenn sie schläft, lecken ihr die Wellen die Zehen in einem trägen Rhythmus; erst den großen Zeh, dann den kleinen. So haben sie sich geeinigt.

(...)

Honig und Hummel begegnen einander, und sie verlieben sich. Im Wald finden sie ein verlassenes Haus, in das sie gemeinsam einziehen.

[aus Kapitel 3 - III. Füchse in allen möglichen Farben -, Originalausgabe S. 51-53]

Honig sorgt ausgiebig für die mündliche Überlieferung: Jammern, Klagen und Stöhnen. Hummel sieht es aber trotzdem als seine kulturelle Verpflichtung an, alles zu bewahren, was er bei seinen Aufräumarbeiten im Haus an schriftlichem Material entdeckt.
Es kommt darauf an, mit dem Staubsauger achtsam vorzugehen.
Es kommt darauf an, Augen und Ohren offenzuhalten.
Es kommt darauf an, die Zunge gerade zu halten, nicht nach links und nicht nach rechts.

Heute räumt er wieder auf. Er sammelt die Wollmäuse ein und setzt sie ordentlich unter das Sofa. Er stopft alle Kleider, die im Schlafzimmer verstreut herumliegen, unter das Bett, und er bringt jeden Band von Honigs verlegten Werke in Sicherheit, den er findet.
Dann stellt er sie in alphabetischer Reihenfolge in das Bücherregal, also nach Anfangsbuchstaben und nicht nach dem Inhalt sortiert, so daß prämenstruell nach menstruell kommt und nicht umgekehrt, und das Blut kommt vor den Schmerzen.
Dort, im Ledereinband mit Goldschrift auf dem Rücken, steht zum Beispiel die Geschichte von dem Ei, das fühlt, daß es ein unfruchtbares Leben führt. Es wünscht seiner Familie und seinen Freunden Lebewohl und zieht von zu Hause fort. Das hat alles, was ein gutes Buch braucht: Spannung, Unterhaltungswert, Poesie, treffende Formulierungen und viel Blut.

Honig liegt auf dem Fußboden und späht unter das Sofa. Sie sieht nichts als Wollmäuse, die schmatzend an der Teppichkante nagen.
Hummel kann sich denken, wonach sie sucht.
Letztes Mal hatte sie ihre Muschi in der Waschmaschine vergessen. Hummel hatte sie geschleudert und in einem Baum aufgehängt, damit der Wind sie trocknen und der Wald ihr einen Duft von feuchtem Moos verleihen könnten.
Jetzt wühlt sich Honig wieder durch das ganze Haus, dreht jede Wollmaus um und guckt hinter jede Ecke. Schließlich kriecht sie in Hummels Armbeuge und sucht da.
Hummel hebt ihr Kleid an. - "Hast du schon wieder deine Muschi verbummelt?" fragt er.
- "Ich werd’ sie schon wiederfinden", flüstert Honig und bohrt die Nase in seinen Pullover.
In einer Woche vielleicht, denkt Hummel. Und bis dahin hat sie sich eine neue in einer anderen Farbe gekauft.

Hummel und Honig wohnen in einem Haus. Das Haus steht in einem Wald, und der Wald liegt am Meer. Jeden morgen steht Honig auf, hüpft auf einem Bein auf die Veranda und streckt die Arme gen Himmel. Regnet es, wäscht sie sich das Gesicht, schneit es, dann schneit es eben.
- "Was machen wir heute?" fragt Honig.
- "Wie wär's mit 'dem Schweinchen ein Ringelschwänzchen malen'?" fragt Hummel.
Hummel hängt an einem Kleiderbügel, wie er es über Nacht zu tun pflegt. Aber jetzt ist es Morgen, und Honig nimmt ihn ab und bürstet ihn.
- "Ach nein", sagt Honig.
- "Wie wär's mit auf den Dachboden gehen und Verkleiden spielen?" fragt Hummel.
- "Ach nein", sagt Honig.
- "Wie wär's mit Gesichter schminken und im Gras lieben?" fragt Hummel.
- "Ach nein", sagt Honig.
- "Wozu hast du denn Lust?" fragt Hummel.
- "Ich geh' zum Strand", sagt Honig.

Die Hormone warten schon auf der Treppe. Hummel sieht zu, wie Honig ihre Tasche packt. Sie nimmt die Schwimmflossen, Schokolade und Stricksachen mit. Sie küßt ihn auf die Wange.
- "Im Schrank stehen Sardinen", sagt sie.
Hummels Unterlippe zittert. Er will nichts sagen. Mit so einer Unterlippe faselt man nur.
Honig wirft sich die Tasche auf den Rücken und schiebt die Brust vor. – "Kommt," sagt sie zu den Hormonen, "gehen wir!"
Sie umringen Honig, als sie nach draußen tritt. Drängeln sich hinter sie. Springen an ihr hoch und beißen sie in den Unterarm.
Hummel steht hinter der Küchengardine und sieht sie durch die Gartenpforte verschwinden. Dann holt er einen Dosenöffner und macht eine Sardinendose auf. Leer. Macht noch eine auf. Die ist auch leer.

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